Zukunft des Handels: Die Maschinen übernehmen

Autor/Redakteur: Andreas Bös, Vice President von Conrad Connect/gg

Kostenloser Hin- und Rückversand contra Shoppingbummel in der Innenstadt. Datenhoheit und individuelle Kundenwerbung contra Treuepunkte und Prospekte. Webshops contra stationären Verkauf. Online- und stationäre Händler führen ein Tauziehen um die Gunst des Kunden. Inzwischen treibt die Auseinandersetzung kuriose Blüten: Erste Stimmen nach einer E-Commerce-Steuer werden laut, um die Innenstädte und Einkaufsstraßen vor der Konkurrenz aus dem World Wide Web zu schützen. Warum kurios? Der Kampf der Systeme ist ein Scheinkampf und verschleiert den Blick auf den tatsächlich wichtigen Zukunftstrend: Wer beherrscht das Internet of Things (IoT)?

Bild: Conrad Connect

Denn nicht eCommerce und Online-Händler bestimmen die Zukunft des Handels, sondern das Internet der Dinge. Der Handel verliert dadurch zunehmend den direkten Kontakt zu seinen Kunden, ganz gleich ob Online oder Offline. Zwei gesellschaftliche Veränderungen treiben diese Entwicklung.

Effizienz ist Trumpf: Die moderne Konsumgesellschaft

Mehr Zeit für die Familie statt fürs Einkaufen, das ist die Quintessenz einer McKinsey-Studie. Neun von zehn Deutschen wünschen sich mehr Zeit für gemeinsame Aktivitäten mit ihren Kindern. 84 Prozent möchten mehr Zeit mit ihrem Partner verbringen. Doch unter anderem das Einkaufen macht ihnen gemäß der Studie oft einen Strich durch die Freizeitplanung.

Den Deutschen ist das Einkaufen von Alltagsutensilien langsam lästig – sowohl online als auch offline. Sie sind es leid, in ihrer Freizeit durch Supermärkte zu irren oder sich durch die x-te undurchsichtige Bestellmaske im Onlinestore zu klicken. Für 59 Prozent der Kunden zählt laut einer Studie des Beratungsunternehmens Nielsen der Faktor Zeit beim Einkaufen.

Die Produktauswahl ist zweitrangig und ordnet sich der Zeitersparnis unter. Stattdessen standardisieren die Kunden ihren Einkauf, wo sie nur können. 67 Prozent der Käufer erwerben laut dem Marktforschungsinstitut Appinio Woche für Woche die gleichen Produkte. Dadurch sparen sie sich zumindest den aufwendigen Preis- und Qualitätsvergleich verschiedener Toilettenpapier-Rollen oder Spülmittel-Tabs. Auch für Waschmittel, Shampoo oder Kaffeepulver gilt: Einmal getestet und für gut befunden, landen Artikel immer wieder im Warenkorb. Es ist dementsprechend kein Wunder, dass Abo-Lösungen immer populärer werden.

Die Digitalisierung schreitet voran

Doch nicht nur das Einkaufsverhalten dreht sich um 180 Grad. Dies geht einher mit einem technologischen Quantensprung: dem Siegeszug des Internet der Dinge. Laut Statista sind bereits heute knapp 20 Prozent der Haushalte durch IoT-Lösungen vernetzt, 2023 werden es über ein Drittel sein.

Mit IoT werden Hausgeräte schlagartig intelligent. Spül- und Waschmaschinen analysieren eigenständig den Verschmutzungsgrad ihrer Ladung und dosieren das Reinigungsmittel entsprechend; Fahrzeuge überwachen den Abnutzungsgrad von Bremsbelägen oder Reifen und organisieren gegebenenfalls direkt einen Termin in der Werkstatt.

Der springende Punkt ist: Bereits heute erfassen und analysieren IoT-Geräte riesige Mengen von Daten und erledigen darauf aufbauend selbstständig Aufgaben. Just an dieser Stelle trifft technologische Innovation auf ein neues Kundenbedürfnis – und stellt den Handel vor eine riesige Herausforderung. Denn aufgrund der vorhandenen Datenmengen erfassen Maschinen auch den jeweiligen Bedarf an Verbrauchsmaterialien und bestellen völlig autark.