Interview mit Jakobsoftware zum Thema “Zukunft der Netzneutralität ein Europa”

Wir haben ein Interview mit Jürgen Jakob, Geschäftsführer bei Jakobsoftware und Sicherheitsexperte, zum Thema “Zukunft der Netzneutralität ein Europa” geführt.

Jürgen Jakob, Geschäftsführer Jakobsoftware und Sicherheitsexperte (Quelle: Jakobsoftware)
Jürgen Jakob, Geschäftsführer Jakobsoftware und Sicherheitsexperte (Quelle: Jakobsoftware)

Sysbus: “Vor kurzem hat das Europäische Parlament im Rahmen des Telekommunikationspakets Regeln zur Netzneutralität verabschiedet. Diese legen zwar die Netzneutralität prinzipiell fest, erlauben aber so genannte Spezialdienste, über die sich dann aber doch bestimmte Datenübertragungen schneller abwickeln lassen sollen, als andere. Diese Spezialdienste wurden in dem Entwurf nicht genau definiert, in der Politik wurden als Beispiele dafür aber unter anderem Datenübertragungen zu selbstfahrenden Autos und Telemedizin genannt. Was halten sie von dem neuen Gesetz?”

Jakob: “Digitale Angebote haben unterschiedliche Anforderungen. Eine Videokonferenz benötigt eine direkte, ‘ruckelfreie’ Leitung, ansonsten werden Gespräche sehr mühsam. Die Situation ist jedoch nicht lebensbedrohlich. Ganz anders sieht es bei einer Autosteuerung aus: Diese erfordert aus Sicherheitsgründen eine Echtzeit-Kommunikation. Doch strenggenommen ist damit nur definiert, dass nach einer vordefinierten Zeit garantiert eine Antwort erfolgt. So findet auch die Kommunikation mit dem Landegerät auf einem Kometen in Echtzeit statt, allerdings mit Antwortintervallen von über einer Stunde. Das ist bei der Steuerung eines Autos nicht hinnehmbar, hier muss wirklich eine umgehende Reaktion erfolgen.”

Sysbus: “Die Telekom hat bereits kurz nach der Verabschiedung des Gesetzes ein Statement herausgegeben, das die eben genannten Spezialdienste deutlich weiter fasst. Nach Meinung des Telekom-Chefs Höttges gehören zu den Diensten auch Online-Gaming und Videokonferenzen. Außerdem möchte die Telekom mit ein paar Prozent am Umsatz von Startups beteiligt werden, wenn sie diesen Spezialdienste zur Verfügung stellt. Vodafone erklärte gleichzeitig, dass die Überlegungen der Telekom im Prinzip richtig seien. Denken Sie, dass solche Pläne realisierbar sind und welche Auswirkungen werden sie auf den Geschäftsalltag von Unternehmen im Internet haben?”

Jakob: “Das Internet mit seiner zumeist auf Ethernet beruhenden Grundkommunikation ist für Echtzeit nicht konzipiert. Da geht es eher darum, Daten auf jeden Fall irgendwie ans Ziel zu bekommen – und wenn es fünf Versuche auf vier verschiedenen Strecken dafür braucht. Das alleine impliziert eine getrennte Datenübertragung für Echtzeitkommunikation. Streaming-Dienste wiederum benötigen eine Art ‘Rundfunkmodus’, eine einseitige Kommunikation, um schnell große Datenmengen zu transportieren. Hier wirkt sich der Markt auf die verfügbare Übertragungskapazität der Leitungen aus und dabei ist nicht nur die “letzte Meile” der Flaschenhals. Die Kapazitäten zu erhöhen kostet einfach Geld. Solange wir in der Fläche weitgehend schlechte Anbindung haben, ist diese Debatte für viele jenseits der eigenen Erlebniswelt. Auswege wie LTE oder Satellit gehen eher in Richtung Rundfunkmodus, aber wenig in Richtung Echtzeitkommunikation, wie es auch die Telemedizin benötigt.”

Sysbus: “Welche Auswirkungen des neuen Gesetzes erwarten Sie auf das Endnutzererlebnis im Internet?”

Jakob: “Basisdienste wie Surfen, E-Mails-Lesen oder Chatten sind im Internetprotokoll TCP/IP vorgesehen und funktionieren gut. Da werden geringfügige Latenzen nicht sichtbar, lediglich Anhänge mit großen Fotodateien führen dann schnell zu einem Frusterlebnis beim Nutzer.”

Sysbus: “Welche weiteren Auswirkungen wird das Gesetz ihrer Meinung nach noch mit sich bringen?”

Jakob: “Das Gesetz mag eine kostendeckende Einführung von speziellen Echtzeitnetzen erleichtern. Aber in der Fläche gibt es nach wie vor erhebliche Defizite in der IT-Infrastruktur, deren Behebung eher als staatliche Strukturaufgabe zu sehen ist und nur sehr zögerlich angegangen wird. Doch spezielle Bezahldienste benötigen eben diese Infrastruktur, damit sie sich geographisch rechnen können, wie etwa in Ballungsräumen. Für die breite Masse scheint sich somit gar nichts zu ändern: Eine schlechte Anbindung macht Bezahldienste auf die Gesamtfläche herunter gebrochen und speziell im ländlichen Raum weiterhin unattraktiv.”