Cloud-Migration State of the Art: Was es beim Wandel zu einer modernen Unternehmens-IT zu beachten gilt

Autor/Redakteur: Rostislav Markov, Senior Consultant für Amazon Web Services/gg

In zahlreichen Unternehmen wird die IT-Infrastruktur durch neue Anwendungen immer schwerfälliger und unübersichtlicher. Oftmals liegt das erforderliche Wissen über die entsprechenden Systeme bei nur wenigen Spezialisten. Auch wenn ein solcher Ansatz nicht zielführend ist, sieht die Realität in zahlreichen deutschen Betrieben genauso aus. Daher ist ein Umdenken angesagt, das IT-Teams von Altlasten befreit und die Infrastruktur optimiert. In diesem Kontext ist es sinnvoll, dass sich eine Transformation der Infrastruktur nicht nur auf die Migration von Servern in der Cloud beschränkt, sondern auch Prozesse neu definiert. 

Bild: AWS

Ansatzpunkte für eine Transformation

Möchten Unternehmen ihre Strukturen modernisieren, bieten sich hierfür verschiedene Bereiche an – besonders das Anwendungsangebot, die IT-Prozesse und Werkzeuge, das IT-Betriebsmodell, und Mitarbeiter-Skills sind zu nennen. Bei einem solchen Migrationsprojekt besteht die Möglichkeit, das eigene Portfolio zu entschlacken und veraltete sowie unwichtige Anwendungen zu entfernen. Auch das Bereitstellungsmodell lässt sich in Form von SaaS-Anwendungen (Software-as-a-Service) an die moderne IT-Welt anpassen.

In der Migration besteht für Unternehmen eine Chance, ihre IT-Prozesse und -Werkzeuge zu standardisieren. Dies optimiert nicht nur Konstruktions- und Provisionierungs-Prozesse, aber auch den Betrieb von Anwendungen in beispielsweise der AWS-Cloud. Auf einzelne Sonderfälle sollte möglichst verzichtet werden. Für den neuesten Stand beim IT-Betriebsmodell bietet sich für extern erworbene Anwendungen die Zusammenarbeit mit den jeweiligen Software-Herstellern an. So können IT-Abteilungen Installationsprozesse automatisieren und Entstörungszeiten verringern.

Schließlich sind Migrationen eine gute Gelegenheit, Zuständigkeiten und Mitarbeiterrollen neu zu organisieren. Im Zuge der ersten Migrationen lassen sich etwa Best Practices in den einzelnen Disziplinen festlegen, sowie Teams nach dem aktuellen Rollenmodell strukturieren. Neu hinzugekommene Mitarbeiter im Projekt können an den bestehenden Best Practices ansetzen und Aufgaben im Rahmen ihrer jeweiligen Rollen wahrnehmen.

Das Modernisierungsziel von Anfang an im Blick

Jedes Team und Unternehmen hat eine andere Vorstellung davon, wie die auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Modernisierung aussehen soll. Eines ist allen jedoch gemeinsam: Bei einer Transformation sollte die Cloud-Migration ihre Ziele von Anfang an klar formulieren. Für diesen Fahrplan ist es hilfreich, sich an bestimmten Aspekten zu orientieren. Dazu zählen unter anderem der Geschäftsbeitrag der Migration, die technische Eignung einer Anwendung für die Cloud, der Grad der Übereinstimmung mit dem strategischen Technologie-Stack des Unternehmens sowie die bestehenden Rollenmodelle und Fähigkeiten.

Bei der Bedeutung der einzelnen Transformationsprozesse sollten Unternehmen zwischen strategisch wichtigen, eigenen Entwicklungen und Open-Source-Standardsoftware mit einem geringen Geschäftsbeitrag unterscheiden. Erstere zeichnen sich durch ein hohes Bereitstellungstempo aus und eignen sich oft für das „Refactoring“. Ziel ist es dabei, Cloud-native Dienste verfügbar zu machen. Dazu müssen die zugrundeliegenden Technologien und die Architektur entsprechend angepasst werden. Anders verhält es sich bei Open-Source-Standardsoftware. Sie trägt nicht zum strategischen Technologie-Stack des Unternehmens bei und kann als SaaS-Lösung im Rahmen eines „Repurchasing“ neu bezogen und bereitgestellt werden. Auch die Archivierung der Lösung als Altlast stellt eine Option dar.

So wenig Muster wie möglich

Für größtmögliche Effizienz ist es wichtig, die Varianten bei der Migration von Anwendungen in die Cloud zu minimieren. So lassen sich die Arbeitsschritte straffer und zielgerichteter durchführen. Wiederverwendbare Referenzarchitekturen fungieren als vorab genehmigte Bausteine und stellen die einheitlichen Mindeststandards für Anwendungen in der Cloud dar. In der Regel ist es so, dass für ein Portfolio mit mehr als 100 Anwendungen etwa fünf bis zehn Muster ausreichend sind. Bei individuellen Mustern sollte genau überlegt werden, ob sie wirklich nötig sind. Hier empfiehlt es sich, sie nur bei geschäftskritischen Anwendungen mit Sonderanforderungen in Erwägung zu ziehen – etwa Optimierungen für den Mainframe.

Während des Migrationsprojekts ist darauf zu achten, dass die Mitarbeiter nur die vorab definierten Prozesse und Werkzeuge nutzen. Dafür eignen sich Kontrollmechanismen, die eine Einhaltung der Mindeststandards überwachen und nicht-konforme Ressourcen automatisch stilllegen. Werden Rechte in auffällig hohem Maße verteilt und Zugangsdaten in der Code-Ablage belassen, so erkennt das System dies automatisch und meldet die Vorfälle. Sollen Mindeststandards weiterentwickelt werden, greift an dieser Stelle das Cloud-Center-of-Excellence-Team ein. 

Ein wesentlicher Aspekt bei der Modernisierung der IT besteht darin, die Fähigkeiten der eigenen Mitarbeiter zu verbessern. Eine gute Koordination der Arbeitsprozesse trägt dazu bei, dass die Arbeit erfolgreich und zielführend aufgeteilt wird. Dabei ist es aber gleichzeitig wichtig, dass der Erfolg des Projekts nicht durch die Verletzung bestimmter Anforderungen gefährdet wird. So sollten Mitarbeiter nicht nach eigenem Ermessen handeln oder die Dokumentation von neuem Wissen versäumen. Es kann auch sein, dass der Zugang zur Produktionsumgebung für Kollegen aus der Entwicklerabteilung fehlt. All diese Aspekte können Unternehmen in einem Entwicklungsplan adressieren, wodurch sich diese Fehler bereits im Vorfeld vermeiden lassen.