Interview mit der OSB Alliance zum Thema “Zukunft der Netzneutralität in Europa”

Wir haben ein Interview mit Holger Dyroff, dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der OSB Alliance, zum Thema “Zukunft der Netzneutralität in Europa” geführt.

Holger Dyroff, Stell#61D1E6

Sysbus: “Vor kurzem hat das Europäische Parlament im Rahmen des Telekommunikationspakets Regeln zur Netzneutralität verabschiedet. Diese legen zwar die Netzneutralität prinzipiell fest, erlauben aber so genannte Spezialdienste, über die sich dann aber doch bestimmte Datenübertragungen schneller abwickeln lassen sollen, als andere. Diese Spezialdienste wurden in dem Entwurf nicht genau definiert, in der Politik wurden als Beispiele dafür aber unter anderem Datenübertragungen zu selbstfahrenden Autos und Telemedizin genannt. Was halten sie von dem neuen Gesetz?”

Dyroff: “Für Anwender und Entwickler im Bereich der Open Source Software ist das Internet das Medium zur Verfügungstellung, Zusammenarbeit, Entwicklung und Benutzung von Betriebssystemen, Middleware und Applikationen bis hin zu gehosteten und privaten Cloud Services. Durch die verabschiedete Richtlinie der EU ändert sich zunächst nichts. Jedoch wird die Umsetzung und Integration in die nationale Gesetzgebung aktiv zu begleiten sein.”

Sysbus: “Die Telekom hat bereits kurz nach der Verabschiedung des Gesetzes ein Statement herausgegeben, das die eben genannten Spezialdienste deutlich weiter fasst. Nach Meinung des Telekom-Chefs Höttges gehören zu den Diensten auch Online-Gaming und Videokonferenzen. Außerdem möchte die Telekom mit ein paar Prozent am Umsatz von Startups beteiligt werden, wenn sie diesen Spezialdienste zur Verfügung stellt. Vodafon erklärte gleichzeitig, dass die Überlegungen der Telekom im Prinzip richtig seien. Denken Sie, dass solche Pläne realisierbar sind und welche Auswirkungen werden sie auf den Geschäftsalltag von Unternehmen im Internet haben?”

Dyroff: “Dies ist sicherlich eine Frage der Ausgestaltung des Gesetzes und der Definition sogenannter Spezialdienste. Der Deutsche Bundestag sollte diese Spezialdienste sehr restriktiv zu behandeln, um eine Diskriminierung von Open Source-Anwendungen in Datenzentren und beim Endanwender zu verhindern. Beispielsweise Videokonferenzdaten dürfen nicht gegenüber werbefinanzierten Public Cloud-Angeboten, im bereits bezahlten Zugang, benachteiligt werden.”

Sysbus: “Welche Auswirkungen des neuen Gesetzes erwarten Sie auf das Endnutzererlebnis im Internet?”

Dyroff: “Die Auswirkungen sind zum heutigen Zeitpunkt noch völlig offen. Jedoch ist ein schnelles und verfügbares Internet für jeden, auch für Open Source Communities, essentiell. Endnutzer, sowie Anbieter aber auch die Wissenschaft wollen nicht durch angebliche Spezialdienste beeinträchtigt werden. Dies werden wir sicherlich sehr genau beobachten und wenn nötig auch aktiv werden.”

Sysbus: “Welche weiteren Auswirkungen wird das Gesetz ihrer Meinung nach noch mit sich bringen?”

Dyroff: “Die genannten Ankündigungen deuten an, dass es zunächst um wirtschaftliche Vorteile und nicht um den Aufbau latenzfreier Spezialdienstleistungen, die aus der Politik und Gesellschaft gewünscht sind, geht. Wir als größter deutscher Verband der Open Source-Bewegung werden sicherlich im Sinne der Open Source Anwender, Anbieter und Communities entsprechende Gestaltungsziele fordern, anstoßen und auch unterstützen.”